200 Jahre Göttigesellschaft Wohlen

«Chercher la femme» – dieser männliche Urtrieb war wohl mit einer der Beweggründe, welcher Ende des 18.Jahrhunderts ledige Männer zur Gründung der Fasnachtsgesellschaft von Wohlen veranlasste. Man überlegte sich, welche Aufgaben zur Fasnachtszeit wahrzunehmen seien, und fand eine ehrenhafte Tätigkeit. Nach der Methode «Zettel aus dem Hut» wurde jedem Mitglied eine jungfräuliche Dorfschöne als Schutzbefohlene zugelost. Wann immer er der Auserwählten während der närrischen Tage begegnete, hatte er für deren Zeche aufzukommen und für ihre sichere und weiterhin unbefleckte Rückkehr nachhause zu sorgen – für diese Zeit war er ihr «Götti». Die Generalversammlung des noch jungen Vereins wurde auf Samstag nach Aschermittwoch festgesetzt. Bei der anschliessenden musikalischen Unterhaltung wurde noch einmal über die vergangene Fasnacht resümiert und natürlich auch getanzt, damals noch in einem Bauernhaus im Dorfteil Wil; damit war der erste Göttiball lanciert. Die Mitgliedschaft in der Göttigesellschaft gehörte zum Werdegang der unverheirateten Söhne der Wohler Strohbaronen, Grossindustriellen und Bauern. Über die Jahre mauserte sich der Göttiball, als einzige Veranstaltung während der Fastenzeit, zum Treffpunkt von Nimmermüden, Tanzsüchtigen und Serviertöchtern und war weit über die Grenzen des Freiamts hinaus berühmt und berüchtigt. Alles nahm seinen Gang bis Mitte der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts, als die kantonale Versammlung der Bezirksamtmänner diesem emsigen Treiben ein Ende setzen wollte. Es kam zur Klage auf höchster Ebene und das Aargauer Kantonsgericht entschied zugunsten der Fasnächtler mit der Begründung: Langjährige Traditionen sind wichtiger als moralische Bedenken humorloser, hungernder Sittenwächter. Mitte der Siebzigerjahre erreichte der Göttiball seinen Höhepunkt: Bis zu 1600 Besucher liessen das Casino aus allen Nähten platzen.

Jungfräuliche Dorfschönheiten im heiratsfähigen Alter am Aussterben!?

Im Wandel der Zeit änderte sich auch das Erscheinungsbild der Göttigesellschaft. Die Mitgliedschaft ist noch immer dem männlichen Geschlecht vorbehalten, aber «Mann» kann auch verheiratet, geschieden oder verwitwet sein.
Dem Göttidasein wurde jedoch durch die Erfindung der Geburtenregulierungspille ein jähes Ende beschert; jungfräuliche Dorfschönheiten im heiratsfähigen Alter sind schwer zu finden und gehören heute leider auf die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Lebensformen. Die Götti konnten sich nunmehr ihrer fasnächtlichen Aufgaben besinnen, ohne durch weibliche Reize abgelenkt zu werden. Der unangefochtene Höhepunkt jedes Vereinsjahres ist der Göttiball am Samstag nach dem Aschermittwoch. Mit närrischem Treiben, Tanz und Auftritten von Guggenmusiken aus dem Freiamt beschliesst er alljährlich die fünfte Jahreszeit in Wohlen. Jedes zweite Jahr bauen sich die Götti einen Wagen, um am Wohler Fasnachtsumzug teilzunehmen. Dabei wird immer ein aktuelles Thema aufgegriffen und ordentlich darüber hergezogen, meist mit dem Ziel, die Zuschauer mit einem zwinkernden Auge auf politische oder moralische Verfehlungen der Obrigkeit hinzuweisen. Um die Botschaft zu untermauern, werden dazu immer geistige Getränke unter das Volk verteilt. Während der Fasnachtszeit werden durch Delegationen die Bälle in Wohlen und Umgebung besucht. Die Treffen mit Gleichgesinnten enden meist in einem feuchtfröhlichen Beisammensein mit dem Ziel, den Winter das Fürchten zu lehren.

Überbrückung der fasnachtslosen Zeit

Auch ausserhalb der Fasnachtszeit sind die Götti nicht untätig. Jedoch geht es während des Vereinsjahres gemächlicher zu und her. Am ersten Freitag jedes Monats trifft man sich zu einem zwanglosen Hock, in einem der zahlreichen Gasthöfe von Wohlen. Bei diesen Treffen wird über Gott und die Welt diskutiert, ein Jass geklopft oder einfach eins getrunken – ganz nach Laune der Anwesenden. Auch ein Grillplausch im Wald, Gokartfahrten oder Weindegustationen gehören zum jährlichen Vereinsprogramm. Alle Jahre im Juni geht die Mannentruppe dann auf Reisen; wie zum Beispiel im Jubiläumsjahr für drei Tage ins Piemont. Im Mittelpunkt dieser Reisen stehen Kameradschaft, Unterhaltung und gutes Essen. Damit wird die freudlose Zeit bis zur nächsten Fasnacht möglichst schadlos überbrückt.

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